Genau deshalb


 
 
 
Vorneweg: Ich schrieb diese Zeilen, bevor das Video der Australischen Social Media-Blogggerin die Runde machte. Ich habe lange überlegt, ob ich den Text überhaupt noch posten soll, weil es jetzt eh diese Welle geben wird. Aber ich merke, dass sich immer mehr Menschen Gedanken darüber machen – darüber wo wir uns verlieren können und warum.

Es gibt wohl Tage, am denen man sich zu nichts in der Lage fühlt. Es gibt Tage, an denen fühlt man sich nicht wohl. Innerlich- aber auch äußerlich.
Ich bin ein selbstbewusster und offenherziger Mensch. Ich kann meine Meinung vertreten, bin auch mal gerne allein und muss nicht jeden mögen. Aber vor allem muss ich mich mögen. Und das ist manchmal gar nicht so einfach. Da reicht es nämlich schon in seinem Instagram- Feed herumzuwandern und sich von Bild zu Bild in einen Wirbel von Selbstzweifeln zu stürzen. Wieso hat die schönere, längere und vollere Haare? Wieso hat die so eine tolle Figur? So einen teuren Lifestyle? Wieso sieht bei ihr eigentlich jedes Bild gut aus?
Ich bin froh, dass ich keine schwere Krankheit habe, die mich in einer Art einschränkt oder behindert und ich ein sicheres Leben führen darf. Ich bin zufrieden mit mir, wie ich bin, denn wenn ich es nicht bin, dann ändere ich es an mir, solange es in meinen Möglichkeiten liegt. Obwohl es nicht heißt, dass man sich selbst abwertet, fragt man sich dennoch, wieso man nicht dem entspricht, was man da auf seinem Handybildschirm sieht. Nur wieso kümmert es einen überhaupt? Wieso habe ich ein Fragezeichen im Kopf, wieso vergleiche ich mich mit anderen, die ich meistens nur durch ihre Bilder kenne? Ich frage mich, wieso wir Äußerlichkeiten von anderen, die uns gefallen, auf uns selbst projizieren.
Vielleicht machen wir uns selbst zum Sklaven dieser Perfektion. Wir klettern duch Social Media Kanäle und vor allem Instagram ist der Pusher und zugleich Basher jedes Selbstwertgefühls. Man erwischt sich, wie man seinen Feed checkt und schon wieder hundert andere Bilder als schöner empfindet. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht bei Instagram aktiv bin. Und es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht selbst ständig verglichen und beurteilt habe.
 
Das Problem an solchen Erfindungen ist doch: Sie bieten uns eine Million neuer Möglichkeiten zu viel das Falsche zu denken. Oder das Richtige nur mit falschem Hintergrund. Früher hat man Personen im echten Leben als das gesehen, wie man sie eben sah. Heute sieht man sie nicht nur zweidimensional auf einem kleinen Bildschirm, sondern zusätzlich überlagert von Farb- und Belichtungsschichten. Instagram-Filter sieben die Realtität. Und trotzdem ist es unser Maßstab geworden. Wir kriegen die Möglichkeit, Menschen jeden Tag zu begutachten, zu sehen wie ihre Haare liegen, was sie heute anhaben, was sie essen oder tun. Zum Teil wildfremde Menschen, die wir so nie bemerkt hätten und die wir nur so sehen, wie sie es uns erlauben. Ungläubig starre ich auf Bilder von perfekter Inszenierung: Auf Obstmandalas auf Müslischalen, auf braungebrannte Beine in weißer Bettwäsche, auf Mädchen mit glänzenden, glatten Haaren, auf geometrisch angeordnetes Zeug, auf on- point belichtete Interiorfotos, auf schöne Körper ohne ein Gramm zu viel. Natürlich möchte jeder hübsch aussehen, wenn man sich im Internet präsentiert, aber wann hat Instagram eigentlich angefangen so „lifestylig“zu sein?

Versteht mich nicht falsch: Ich liebe Instagram nach wie vor. Ohne diese App hätte ich ein paar wunderbare Menschen nie kennengelernt. Aber ich habe Social Media nie sonderlich ernst genommen und bin froh, dass ich noch eine weitestgehend technikfreie Jugend genießen durfte. Irgendwann fing ich an, all diesen Bilderbuch-Feeds zu entfolgen. Und Platz für die Fotos zu lassen, die nicht durch 100 Bearbeitungsprogramme gelaufen und keinen „VSCO“- oder „Follow4follow“- Hashtag brauchen; die vielleicht zwischen Alltagsstress und Langeweile entstehen; die mir viel ehrlicher zeigen, wie schön Imperfektion sein kann.
 
Ich bekam von einigen Seiten die Frage, warum ich hier nichts mehr schreibe. Und ehrlich gesagt, wusste ich es selbst nicht und wollte mich nie dafür rechtfertigen. Ich hatte irgendwie keine Lust mehr mir den Kopf über ein Outfit zu zerbrechen, dass „gut genug“ für Fotos war; keine Lust mehr überhaupt Fotos zu machen, weil ich sonst ein schlechtes Gewissen hätte. Und so gingen die Wochen ins Land, ohne dass ich es vermisst hätte. Das heißt nicht, dass ich das Bloggen nicht mehr mochte, aber ich hatte dafür irgendwie den Blick verloren. Es gab gerade so viel anderes, was ich lieber tat.
Dieses Unangestrengte, frei von Erwartungen oder anderen Maßstäben, das wünsche ich mir ab jetzt auch für meinen Blog. Das bedeutet mehr Persönlichkeit dadurch, dass ich ab heute schreibe, über was ich will und warum ich will und mich thematisch nicht mehr festnageln möchte. Mode mag ich noch immer. Aber da mein Blog auch ein kleiner Ausschnitt meines Lebens sein sollte, kann er mich mittlerweile nicht mehr so recht widerspiegeln. Wenn ich also demnächst Lust habe z.B. einen Post mit Fotografien von mir hochzuladen, dann tue ich das. Und wenn ich mal ein paar Wochen nichts posten möchte, dann tue ich auch das. Also verschmerzt bitte diese ungeplante längere Pause. The Golden Tree war nie nur ein bloßer Modeblog, auch wenn es bildlich danach aussah. Er war immer auch Plattform von visualisierten Gedanken.
 
 
Und von denen habe ich immer reichlich.   

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