Wir haben zu viel und wissen zu wenig

Unschlüssig stehe ich in der Kabine, begutachte mich mit kritischem Blick im Oberteil mit Blumenprint und gehe noch einmal alle Sachen an den prall behangenen Haken an den Umkleidewänden durch. Mein Blick wandert vom Teil an meinem Körper und denen am Bügel hin und her und ich stehe vor der schier unlösbaren Aufgabe mich entscheiden zu müssen. Das schlechte Gewissen, dass zu Hause ja eigentlich schon ein voller Kleiderschrank auf einen wartet, hat man gekonnt gelernt auszuschalten.
Solche bzw. so ähnliche Situationen tauchten zur Genüge in meiner Vergangenheit auf. Die Geschichte meines persönlichen Shoppingverhaltens ist ein einziges Auf und Ab und von durchgängigem "Mal eben ein Teil kaufen" oder "0 Bock auf den Kaufwahnsinn" war mal alles dabei.

Es gab aber auch mal eine Zeit, in der ich mein Kaufverhalten sehr überdacht habe. Habe mich an einer Shopping- Diät versucht -- und bin klangvoll gescheitert. Seitdem habe ich nicht mehr viel darüber nachgedacht. Einfach gekauft wo und was mir gefiel. Ist ja auch logisch.
Aber mittlerweile irgendwie nicht mehr.

Vor einigen Tagen blieb ich im gelangweilten Durchscrollen meines Facebook- Feeds an einem geteilten Videolink hängen. Es war eine Dokumentation aus Norwegen. Die Tageszeitung Aftenposten wagte ein Experiment und begleitete mit einem Videoteam 3 Modeblogger in die Textilfabriken, den sogenannten Sweatshops, nach Kambodscha. Natürlich hatte ich schon klare Vermutungen, in welche Richtung dieses Video gehen würde. Und auch das Thema der Billigproduktionen der großen Modeketten war mir generell nicht fremd. Trotzdem muss ich sagen, hätte ich den Link vermutlich übergangen. Aber ich fühlte mich irgendwie angesprochen.

Es gibt insgesamt 5 Videos, die ich mir alle am Stück angesehen habe. Ich will hier jetzt keineswegs alles wiedergeben, das Beste sollte es eh sein,  ihr nehmt euch einen Batzen Zeit und schaut sie euch selbst an. Denn durch eine bloße Nacherzählung kann man auch nicht das widerspiegeln, was diese Dokumentation in meinen Augen visualisiert. Wie gesagt, von den schlechten Arbeitsbedingungen und den unfassbar unfairen Hintergründen der Billigproduktionen hatte ich auch vor dem Ansehen der Doku eine Ahnung, aber mehr auch nicht. Danach jedoch recherchierte ich dann wie automatisiert nach diversen Schlagzeilen zu unmenschlichen Textilproduktionen in Vrbindung mit großen Namen der Modeindustrie und wurde auch fündig. Und ich fing an, mal gehörig über mich, Mode und Konsum nachzudenken.

Versteht mich nicht falsch: Ich will hier nicht mit dem erhobenem Moral- Zeigefinger herumlaufen oder mir selbst einen Heiligenschein aufsetzen. Denn auch ich habe immer noch einige Sachen in meinem Kleiderschrank hängen, die sicherlich auch in einer solcher Fabriken hergestellt wurden. Was ich aber auf jede Fall will, ist Bewusstsein entwickeln und wenn möglich auch ein Stückchen davon weitergeben. Ich hab mich dazu entschieden, einigen Shops den Rücken zuzukehren und dafür anderen (kleineren) Labels eine Chance zu geben, da sie so viel unterstützenswerterer sind.

Während ich diesen Post verfasse, sitze ich hier in meinem 4.95 Euro H&M Basic Top, von denen bestimmt jede Zweite mindestens eins besitzt. 4.95 Euro kommt mir jetzt so absolut absurd vor, dass ich den Kopf schütteln muss. Aber trotzdem werde ich es weiterhin tragen, bis es kaputt geht. Denn jetzt seinen halben Kleiderschrank im die Mülltonne zu verfrachten, hilft niemandem. Aber wir sollten anfangen zu lernen, mit unserer Kleidung verantwortungsvoll umzugehen. Und nachhaltig einzukaufen, wenn es um die Mengen geht.  Ich will niemandem verbieten, weiterhin in den großen Shops einzukaufen. Aber wenn jeder nur einen Moment über das, was und warum er es kauft und ob es vielleicht doch gar nicht nötig ist, weil so-ähnlich-schon-im-Schrank, nachdenken würde,  ist man schon einen fairen Schritt weiter.

Zum Glück gibt es einige Modeblogger, die sich ebenfalls schon zu diesem Thema kritisch geäußert haben. Denn neben Klischees der Oberflächlichkeit, Konsumsucht und Trendgier, mit denen man als Modeblogger oft abgestempelt wird, ist Fair Trade Bewusstsein vielleicht das Letzte, dass man einem zusprechen würde. Und das finde ich traurig. Denn nur weil man Modeblogger ist, heißt das nicht automatisch, dass man wie bescheuert jede Woche eine immense Stange Kohle für Klamotten auf den Kopf haut und nach einem halben Jahr seinen ganzen Kleiderschrank für out befindet. Ich würde sogar sagen, die ständige Beschäftigung mit Mode, deinem eigenen Stil und dessen virtueller Präsentation machen Modeblogger viel sensibler für Kleidung und für dieses wichtige Thema der Textilindustrie. Damit meine ich nicht, dass jeder von ihnen darüber tatsächlich nachdenken will. Aber der Bezug und die Betroffenheit dürfte doch intensiver sein. Zumindest kann ich das jetzt von mir behaupten.

Und ich hoffe, ich kann auch euch zum Nachdenken bewegen, um sich bewusst zu werden, wie viel an Kleidung wir haben, und wie wenig wir eigentlich über sie wissen.



Für alle, die sich die Dokumentation ansehen möchten hier noch einmal der     Link




Share:

1 Comments

  1. Toller Post!
    Bei mir läuft gerade eine Blogvorstellung, schau doch mal vorbei! <3
    ♥, Erika
    erikaloove.blogspot.de

    AntwortenLöschen

Bitte habt Verständnis dafür, dass ich Kommentare, die ich für inhaltlich unangemessen oder persönlich verletzend empfinde, von der Veröffentlichung ausschließen werde. Ansonsten freue ich mich natürlich über jeden lieben oder konstruktiv kritischen Kommentar, also habt keine Scheu! :) xoxo J